Sunny – der Rollstuhl hat sie nie gebremst.
Sunny ist durch mein mobiles Fotostudio gerollt, als gäbe es kein einziges Hindernis auf der Welt. Über Füße, über Kabel, über Stativbeine, einfach drüber. Eine Pinscher-Dame mit so viel Lebenslust, dass ich sie so schnell nicht vergesse. Der Rollstuhl hat sie kein bisschen gebremst, eher im Gegenteil.
Zu Hause teilte Sunny ihr Leben mit ein paar Chihuahuas, die offenbar längst gelernt hatten, rechtzeitig Platz zu machen, wenn die Dame mit den Rädern ankam. Typisch Pinscher, würde ich sagen.
Sunny lebt inzwischen nicht mehr. Genau deshalb erzähle ich von ihr.
Denn wenn ich in über 1.500 Hunden eine Sache gelernt habe, dann diese: Die Bilder, über die man am längsten froh ist, sind oft die von den Hunden, bei denen jemand kurz gezögert hat. „Ach, der ist doch schon so alt.“ „Die sieht ja kaum noch was.“ „Mit dem klappt das bestimmt nicht.“
Doch.
„Das traut sie sich bestimmt nicht“
Sehen ist nicht nötig – die Nase reicht.
Neulich stand eine Frau mit ihrem Hund bei mir. Ein ganz normales Shooting, alles gut. Beim Plaudern erzählt sie, dass zu Hause noch ein zweiter Hund wartet. Komplett blind.
„Und warum ist der nicht mit?“, frage ich.
„Den kann ich doch nicht mitbringen, der sieht ja nichts.“
Da muss ich immer schmunzeln, weil das der häufigste Trugschluss überhaupt ist. Ein blinder Hund braucht die Augen für mein Foto nämlich gar nicht. Er braucht seine Nase, und die funktioniert bei den meisten bis zuletzt tadellos. Wenn der Hund gern frisst, haben wir schon gewonnen. Das geht, weil mein Glastisch kein wackliges Provisorium ist. Er ist speziell angefertigt, aus Sicherheitsglas, zugelassen für Tiere bis 150 Kilo. Wir stehen alle rund um den Tisch herum, ein bisschen Lieblingssnack, eine ruhige Stimme, und der Hund ist sicher aufgehoben. Runterfallen kann da niemand. Auch nicht der, der nicht sieht, wo der Tisch aufhört.
Ein Auge, voller Ausdruck.
So entstehen meine Tierfotos von unten: Der Hund steht auf dem Glastisch, ich stehe daneben und fotografiere durch das Glas. Pfoten, Bauch, dieser konzentrierte Blick nach unten. Ich habe Hunde ohne Augen fotografiert. Hunde mit einem Auge. Hunde auf drei Beinen. Hunde mit schwacher Hinterhand, die hinten ein bisschen Hilfe brauchen. Alte Herrschaften, die nicht mehr so wollen wie früher. Und eben Sunny. Jedes einzelne dieser Tiere hat ein wunderbares Bild abgegeben. Nicht trotz seiner Geschichte. Sondern mit ihr.
Hunde jammern nicht
Ida – drei Beine, kein bisschen langsamer.
Und jetzt kommt das, was mich an diesen Hunden am meisten berührt: Es ist ihnen völlig egal. Ein Hund weiß gar nicht, dass ihm ein Bein fehlt. Er weiß nur, dass er trotzdem überallhin kommt.
An Ida siehst du das am besten. Drei Beine, und trotzdem so flink und lebensfroh, dass man das fehlende nach zwei Minuten vergisst. Sie macht einfach. Hunde leben im Hier und Jetzt, sie machen das Beste aus dem, was sie haben, und Selbstmitleid kennen sie nicht.
Und los! Ein fehlendes Bein? Nebensache.
Ein dreibeiniger Hund ist ein glücklicher Hund. Ein Hund im Rollstuhl ist ein glücklicher Hund. Ein alter Hund mit grauer Schnauze ist ein glücklicher Hund. Und vor allem ist er das, was er immer war: dein Lebensgefährte.
Alt zu werden ist das Normalste der Welt
Ehrlich gesagt ist „nicht mehr ganz taufrisch“ gar nicht so selten. In Deutschland leben rund 10 Millionen Hunde (ZZF/IVH, 2025). International geht man davon aus, dass etwa die Hälfte davon sieben Jahre oder älter ist, also längst in der zweiten Lebenshälfte.
Wie lang so ein Hundeleben dauert, hängt stark von der Größe ab. Eine große Studie aus 2024 mit über einer halben Million Hunden kommt auf eine mittlere Lebenserwartung von rund 12,5 Jahren. Kleine Hunde liegen oft darüber, die ganz großen darunter.
Wie alt werden Hunde? (mittlere Lebenserwartung in Jahren)
Das klingt erst mal nach trockener Zahl. Dahinter steckt aber etwas sehr Warmes: Jeder Hund hat seine Zeit. Und die geht schneller vorbei, als uns lieb ist.
Trübe Augen, steife Gelenke, und warum das kein Grund gegen ein Foto ist
Die trüberen Augen, die das Alter mitbringt.
Mit den Jahren kommt eben einiges dazu. Die Augen werden trüber. Ab etwa neuneinhalb Jahren zeigt rund die Hälfte aller Hunde eine beginnende Linsentrübung, mit dreizehn, vierzehn fast jeder (Williams, 2004). Die Gelenke melden sich, gerade bei den älteren Hunden: Ellbogen, Schulter, Hüfte, Knie.
Nichts davon ist ein Grund, die Kamera wegzulassen. Es ist der Grund, sie jetzt zu holen.
Mehrfach operiert – und trotzdem hier.
Ein alter Hund mit grauer Schnauze und müder Hüfte ist kein „zu spät“. Er ist ein „genau jetzt“. Dieses Bild hängt später an der Wand, wenn der Napf längst leer ist, und erzählt von einem ganzen Leben. Von der grauen Schnauze. Von dem Blick, den nur dieser eine Hund hatte.
Das Wichtigste ist das Shooting, nicht der Geldbeutel
Ich weiß, dass so ein Termin auch eine Frage des Budgets ist. Deshalb sage ich das ganz offen: Das Wichtigste ist, dass das Hundeshooting überhaupt stattfindet, solange dein Hund da ist. Die Bilder bewahre ich zehn Jahre auf. Du kannst sie also jederzeit später bestellen, wenn es gerade besser passt. Aber das Foto selbst gibt es nur, solange dein Hund vor meiner Kamera stehen kann.
Und ein Tipp, der oft hilft: Die Shootinggebühr kann man sich auch schenken lassen. Zum Geburtstag, zu Weihnachten, einfach so. Ein Gutschein, der irgendwann unbezahlbar wird.
Wenn ich also mit meinem mobilen Fotostudio in deiner Nähe Station mache, dann nutz die Chance. Bring den alten Hund mit. Den blinden. Den dreibeinigen. Den im Rollstuhl. Um den Rest kümmere ich mich.
Sunny hätte das sofort verstanden. Die wäre einfach drübergerollt.
Und das Leckerli? Hat sie sich verdient.
